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Rallyefahren mit historischen Autos ist groß in Mode. Bei den Veranstaltungen, wie etwa der historischen Europameisterschaft, geht es meistens um Siege. Das heißt, das Fahrzeug muss möglichst schnell sein. Also werden die Originalteile von früher bei der Restauration meist in den Mülleimer geworfen und durch moderne, bessere Teile ersetzt. Kunststoffscheiben mit Schiebefenstern ersetzen die alten, schweren Kurbelfenster aus Glas. Die Leistung wird hochgeschraubt, die Fahrwerke tiefergelegt mit modernen Federn, die man auch in den heutigen World Rally Cars findet.


All dies entspricht nicht den Vorstellungen von Slowly Sideways. Wenn in einem Mini Cooper früher Glasscheiben zum Herunterkurbeln verbaut waren, dann sollen sie auch heute noch dort zu finden sein. War der Innenraum mattschwarz, dann soll er es heute auch sein, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Ein entscheidender Punkt beginnt also schon vor dem Aufbau eines Fahrzeugs: die Recherche. Wie sah das Fahrzeug früher aus? Alte Fotos, Zeitungen oder Filme sind hierfür die besten Anhaltspunkte, wenn man nicht zufällig Kontakte zu den ehemaligen Mechanikern knüpfen kann. Bevor die erste Schraube festgezogen wird, sollte man also auf die Suche nach Zeitdokumenten gehen. Und dann versuchen, das Original so gut wie möglich nachzubauen. Dabei kommt es auf Detailarbeit an. Denn viele falsche Details trüben das Gesamtbild. Die richtigen Felgen und Felgengrößen beispielsweise machen bei der Optik viel aus.

Die richtige Anordnung der Sponsorenaufkleber ist noch so ein Fall. Auch hier geht es um die Detailarbeit. Oftmals werden Modellautos als Basis für eine Lackierung nehmen. Das kann gut sein, kann aber auch in die Hose gehen – wenn beispielsweise das Modell falsch beklebt wurde. Wobei es auch auf den richtigen Farbton ankommt. Wenn vier Euro-Händler-Kadett nebeneinander stehen und alle einen anderen Farbton haben, ist das peinlich. Vorsicht ist auch bei einigen Museumsautos der Automobilfirmen geboten. Nicht alles, was dort steht oder stand und als „heilig“ betrachtet wird, ist auch echt und korrekt. Ich erinnere mich an einen Quattro im Audi Museum, der wurde als Monte-Carlo-Sieger von 1984 deklariert – mit Startnummer 1 und Michèle Mouton als Fahrer. Dabei ist Michèle die Monte in dem Jahr gar nicht gefahren und es war auch nicht Röhrls Original-Siegerwagen. Audi hat dies schon lange korrigiert und gilt hier als gutes Beispiel wie korrekte Geschichstpflege auch heute noch einen hohen PR-Wert für die Firma haben kann. Auch hier sind alte Fotos das akkurateste Mittel für Originalität.

Ganz ausgeschlossen werden bei Slowly Sideways private Sponsoren. Einen alten Saab aus den 60ern mit einem iPhone-Aufkleber auf der Tür will doch wirklich niemand sehen. Wir haben es auch schon erlebt, dass z.B. ein Michelin-Aufkleber runtergenommen wurde, weil der Fahrer bei einer anderen Firma 10 Prozent Rabatt auf die Reifen bekommen hat. Das ist bei Slowly Sideways auch nicht erwünscht. Natürlich kann man andere Reifen fahren, aber man sollte doch so viel Respekt vor der Geschichte haben, dass man auf diesen Mini-Rabatt pfeift.

Originalität ist auch bei der Technik gefragt. Ein Ford Escort mit einem V8-Motor wäre bei Slowly Sideways nicht zugelassen. Wobei es durchaus vernünftige Gründe gibt, etwas im Gegensatz zu damals zu ändern. Fahre ich eine weniger scharfe Nockenwelle, dann hält der Motor länger. Oder gibt es ein bestimmtes Getriebe für mein Auto nicht mehr, dann kann man sich natürlich eine Alternative besorgen. In den letzten Jahren gigt es aber auch die Entwicklung, dass sich einige Besitzer zusammengeschlossen haben und gemeinsam eine Kleinserie von Teilen nachbauen lassen. Auch so geht’s natürlich. 

Mehr Freiraum gibt es bei der Sicherheitsausstattung. Nehmen wir das traurige Beispiel von Ove Andersson. Der ehemalige Toyota-Teamchef starb bei einer kleinen historischen Rallye in Südafrika, weil sein Volvo 544 noch eine starre Lenkstange ohne Knickstelle hatte, die beim Frontalaufprall wie ein Speer wirkte. Bei Sitzen, Gurten und Überrollkäfigen verhält es sich ähnlich. Hier wäre es naiv, auf Originalität statt auf Sicherheit zu achten.

Für jeden Typ Auto haben sich Spezialisten gebildet, sie kennen die echten Autos, wissen über alle Details Bescheid. Diese werden bei der Begutachtung der Fahrzeuge zu Rate gezogen und versuchen auch zu helfen, Dinge zu verbessern und originaler zu machen, auch hier agieren wir als Gruppe miteinander und nicht gegeneinander. 

Noch ein Wort zu Nachbauten. Das Wort Replikas wollen wir nicht benutzen. Unsere Autos sind keine Replikas da sind immer auf einem Straßenauto das schon lange existiert beruhen und dieses Serienauto wird umgebaut oder einem Vorbild nachgebaut: Die wenigen echten Gruppe-B-Autos werden heute oft schon für eine halbe Million Euro gehandelt und dabei wächst natürlich die Scheu, solche Werte auch schnell zu fahren. Daher entstehen Nachbauten von diesen Autos – ein teures und aufwendiges Unterfangen. Diese Nachbauten schauen wir uns genau an und wenn sie dem Original sehr nahe kommen, werden sie zugelassen. Besser ein fast perfekter Nachbau als gar kein fahrendes Stück Rallyegeschichte. Dermott Simpson ist so ein Fall. Er hat den Original-Sport-Quattro den Michèle Mouton 1984 bei der RAC fuhr. Dieser steht zu Hause in der Garage. Aber er hat sich dasselbe Auto nachbauen lassen und lässt es damit bei uns fliegen. Er sagt sich: „Ecke ich mit diesem Auto irgendwo an, so ist nicht der eine echte Kotflügel von 1984 zerstört, sondern nur der Nachbau davon. Damit kann ich leben.“

Was toll ist: Durch die Aktivitäten haben wir mit Slowly Sideways schon viel erreicht – direkt und indirekt. Sogar Autohersteller wenden sich schon direkt an die Fachleute aus unserer Gruppe, wenn sie eine Frage haben. Durch unser gemeinsames Zusammenwirken wird die Geschichte des Rallyesports recherchiert und rekonstruiert, Autos werden gefunden und restauriert, Blender entdeckt, bloßgestellt und verbessert– ein Prozess, der noch lange nicht zu Ende ist und der nächsten Generation zeigen soll, wie es damals wirklich ausgeschaut hat.